Folgt der Schlange!
Wenn man mitten im nirgendwo auf einer Farm lebt, kommt man mit ein bisschen Glück zu wunderschönen abgelegenen Orten. Tatsächlich hatten Svenja und ich Glück! Zusammen mit dem Hofhund Lilly, brachten die Farmer uns nach Cosy Corner – einem verlassenen Strand, den man als normaler Tourist wohl eher weniger zu sehen bekommen würde. Hier waren die Wellen so stark, dass sie sich perfekt zum Surfen eignen würden. Zwar hatte ich meinen Shorty (ein Neoprenanzug mit kurzen Ärmeln und Beinen) für meine Reise eingepackt, doch zwölf Grad Außentemperatur waren mir dann doch zu kalt gewesen.

Der Cosy Corner macht seinen Namen alle Ehre.
An einem besonders sonnigen Mittwoch, tauschten wir unsere Arbeitskleidung gegen Wanderschuhe aus. Gemeinsam mit der Farmerin und ihrer Tochter, fuhren wir zum Torndirrup-Nationalpark, welcher sich 15 Minuten von Albany entfernt befindet. Vier Stunden sollte die Wanderung insgesamt dauern. Bereits im Voraus sagte die Farmerin uns, dass ein gewisses Fitnesslevel erforderlich sei, um den Weg meistern zu können. Mit dieser Aussage sollte sie Recht behalten, wie wir wenig später feststellten.
Schon in den ersten zehn Minuten ging es ziemlich steil bergauf. War ich anfangs noch gewollt, deutsche Wanderlieder zu singen, entschloss ich mich bereits nach wenigen Zeilen dazu, meine Atmung lieber auf das Laufen zu fokussieren.

Mein Schrittziel habe ich an diesem Tag auf jeden Fall erreicht 🙂
Die nächsten zwei Stunden ging es bergauf und bergab. Ich war sehr erstaunt darüber, wie gut die Farmerin (sie ist bereits in ihren Sechzigern) mit uns mithalten konnte. Würde man die Wanderung bildlich darstellen wollen, könnte man dies am ehesten mit einer Zickzacklinie tun. Ungefähr so:
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Die Aussicht war absolut fantastisch! Beinahe viel zu schön, um wahr zu sein. Der Ozean, die Felsen, die Berge – einfach alles sah aus wie gemalt und wirkte viel zu unreal, als dass es tatsächlich echt sein konnte.

Kannst du die Zeichnungen in den Felsen sehen?
Bei einer steinigen Lichtung machten wir schließlich Halt. Jeder von uns suchte sich einen Stein, welcher dann Teil des großen Steinhaufens wurde, der von all den Wanderern vor uns angelegt wurden war.

Aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du Schönes bauen!
Neuer Tag, neuer Strand – an diesem Tag mit einer ganz besonderen Mission! Die Farmerin erzählte uns, dass im Ozean kürzlich Wale gesichtet wurden waren. Normalerweise tauchen diese erst im August auf, doch wir wollten dennoch wissen, ob sich die Meeresriesen uns zeigen würden. Ausgestattet mit Ferngläsern, manifestierten wir unser Glück auf dem Weg zum Aussichtspunkt. Es war ein größtenteils grauer regnerischer Tag, an dem die Sonne sich größte Mühe gab, sich wenigstens ab und zu durch die dicke Wolkendecke hindurch zu kämpfen.
Angekommen beim Aussichtspunkt, setzten wir uns gemütlich hin, nur um dann im nächsten Moment wieder aufgeregt aufzuspringen. Auf der spiegelglatten Oberfläche des Meeres, hatte sich plötzlich etwas geregt. Und tatsächlich – auch ohne die Ferngläser konnte man nun ganz deutlich zwei Wale erkennen, die fröhlich durchs Wasser sprangen.
Ein Beweisfoto habe ich nicht, da man auf den Bildern ohnehin nichts hätte erkennen können 🙂

Dafür ein Schnappschuss von Svenja, mir und der Farmerstochter 😀
Dies sollte übrigens nicht unsere einzige Walsichtung gewesen sein. In unserer letzten Woche auf der Farm, brachten die Farmer uns zu einem weiteren Wanderweg, welchen Svenja und ich dieses Mal alleine beschreiten würden. Startpunkt war Shelley Beach, wo wir durch Zufall erneut zwei Wale im Meer erblickten. Kurz bestaunten wir die riesigen Tiere, bevor Svenja und ich dann unwissentlich unsere Reise nach Mordor antraten.

Shelley Beach ist ein beliebter Landeplatz für Segelflugzeuge.
Es begann bereits damit, dass die Farmer sich uneinig waren, wo der Wanderweg überhaupt starten würde. Während die Farmerin den Berg hinauf zeigte, wollte ihr Mann uns zu einem anderen Punkt weiter nach unten bringen. Es folgte eine kurze Diskussion, die die Farmerin (mit dem Argument, dass sie den Weg – im Gegensatz zu dem Farmer – bereits gelaufen war) schließlich gewann. Vor dem Pfad wurde noch schnell ein Erinnerungsfoto geschossen, dann ging es los!
Wissentlich darüber, dass Svenjas und mein Orientierungssinn dem eines besoffenen Eichhörnchens glich, sagten die Farmer uns, dass es ein einfacher idiotensicherer Wanderweg sei. Wir müssten nur der Schlange folgen, auf dem Weg bleiben und darauf achten, dass sich der Ozean zu unserer rechten Seite befand – dann könnten wir uns in keinem Fall verlaufen. Klingt einfach – war es aber nicht! Hinzu kam, dass Svenja und ich eigentlich gar keine Lust zum Wandern hatten. Wir hatten Muskelkater in den Beinen und uns auch viel zu leicht angezogen. Die Sonne hatte einen wärmeren Eindruck vermittelt, als sie dann tatsächlich war … . Dennoch versuchten wir uns gegenseitig zu motivieren und liefen (mehr oder weniger) gut gelaunt los.

Svenja und ich sind hoch motiviert (*nicht*)! 😀
Weit kamen wir jedoch nicht. Bereits nach wenigen Metern, stießen wir auf die erste Hürde – eine Abzweigung. Stirnrunzelnd blieben wir vor dem Schild stehen, welches in zwei verschiedene Richtungen zeigte. Geradeaus ging es nach Walpole und der rechte Pfad würde uns nach Albany führen. „Folgt einfach der Schlange“, hallte uns noch durch den Kopf. Doof nur, dass die Schlange auf beide Wege verwies.
Grübelnd überlegten wir nun, was wir tun sollten. Dann erinnerten wir uns daran, dass der Farmer noch gesagt hatte, dass wir auf dem offiziellen Weg bleiben und sichergehen sollten, dass sich der Ozean auf der rechten Seite befand. „Offiziell“ sah der Weg nach Walpole aus, der Ozean würde sich (auf der besagten Seite) allerdings Richtung Albany befinden. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass wir rechts abbiegen sollten. Da wir allerdings von Rotkäppchen gelernt hatten, dass es keine gute Idee war, vom Pfad abzukommen, entschieden wir uns dazu, geradeaus weiterzugehen.

Einfach der Schlange folgen …
Die nächsten Meter ging es steil bergauf – eine weitere Sache, die mir komisch vorkam. Die Farmerin meinte einen Tag zuvor nämlich noch zu mir, dass die Wanderung größtenteils ebenerdig sein würde.
Als wir den Berg schließlich erklommen hatten, endete der Weg plötzlich. Vor uns war nichts als loses Gestein und Gestrüpp zu sehen. Nun waren wir uns ziemlich sicher, dass dies nicht der richtige Weg sein konnte. Obwohl wir vielleicht gerade Mal fünfhundert Meter der Wanderung zurückgelegt hatten, lagen die Nerven bei uns bereits jetzt schon blank. Uns blieb nichts anderes übrig, als wieder umzukehren und den anderen Pfad zu nehmen.
Wieder bei der Kreuzung angekommen, liefen wir nun durch eine verbrannte Wüstenlandschaft. Rechts und links befanden sich zahlreiche abgefackelte Bäume. Vom Ozean, geschweige denn einer schönen Aussicht, keine Spur.

Links und rechts waren nur verbrannte Bäume.
Zitat Svenja: „Gleich und gleich gesellt sich gern!“
Weiter ging es durch einen dicht bewachsenen Wald, vorbei an einer halb zerbrochenen Bank, dann quer über eine Sandstraße, bevor erneut ein Waldstück folgte. Zwischendurch kamen wir an einem weiteren Schlangenschild vorbei, welches jedoch abermals in zwei Richtungen verwies. Weitere Schilder folgten nicht. Dafür ertönte nach einer Weile ein Rauschen, welches uns aufhorchen ließ. Und kurz darauf tauchte (zu unserer rechten Seite) der Ozean auf. Das waren wunderschöne drei Minuten.

Für drei Minuten hatten wir einen tollen Ausblick …
Die Aussicht war wirklich toll! Aber wie gesagt, waren es nur drei Minuten, bevor dann wieder Wald folgte. Irgendwann gelangten wir auf einen breiten Sandweg. Tiefe Reifenspuren waren zu sehen, die auf einen kleinen Hügel hinaufführten. Zur anderen Seite ging es bergab, wieder in den Wald hinein. Hoffnungsvoll tauschten Svenja und ich einen Blick aus. Hatten wir das Ziel nun tatsächlich erreicht?
Mit schnellen Schritten liefen wir den Hügel hinauf. Unter uns ergab sich ein strahlend weißer Strand, welcher von kräftigen Wellen berührt wurde. Auf dem Meer waren einige Surfer zu sehen.
„Weißt du noch, wie der Strand hieß, an dem wir ankommen sollen?“, fragte ich Svenja.
„Nee, keine Ahnung“, antwortete diese kopfschüttelnd.
Dummerweise hatte sich keiner von uns den Namen unseres Zielortes gemerkt. Immerhin hatte ich Internetempfang, sodass ich nachschauen konnte, wo genau wir uns gerade befanden.
„Wir sind beim Dingo Beach“, sagte ich stirnrunzelnd.
„Ich glaube, so hieß der Strand“, sagte Svenja daraufhin.
Ein wenig wunderten wir uns schon darüber, dass wir in nur 1,5 Stunden hier angekommen waren, wo die gesamte Wanderung doch drei Stunden hätte dauern sollen. Mit der Überzeugung, dass wir vermutlich einfach besonders schnell gewesen waren, liefen wir dennoch heiter den sandigen steilen Weg zum Strand hinunter. Um wirklich sicherzugehen, schrieben wir der Farmerin zuvor noch eine Nachricht, in der wir fragten, ob wir hier richtig waren.
Wir waren fast unten angekommen, als ich einen Blick aufs Handy warf und sah, dass die Farmerin geantwortet hatte. Mein Gesichtsausdruck verfinsterte sich, während ich abrupt stehenblieb.
„Was ist los?“, wollte Svenja wissen.
„Cosy Corner“, antwortete ich matt und schaute auf. „So heißt der Strand, an dem wir ankommen sollen.“
Einen kurzen Moment lang starrten wir uns schweigend an. Dann wanderte unser Blick den sandigen Weg hinauf, welchen wir soeben hinuntergelaufen waren. Es nützte nichts. Wenn wir noch vor Sonnenuntergang beim Cosy Corner ankommen wollten, blieb uns nichts anderes übrig, als dieselbe Strecke wieder hinauf zu stapfen.
Irgendwie schafften wir es letztendlich dann doch noch, das Ziel zu erreichen. Zwischendurch liefen wir erneut durch eine triste Waldlandschaft und zum Schluss an einer stark befahrenen Hauptstraße entlang. Hier stellte ich zum krönenden Abschluss meine Stuntman-Künste unter Beweis, indem ich am kieseligen Straßenrand entlangrutschte, eine Schraube in der Luft drehte, und dann eine Volllandung auf meinem Arm machte. Das Ergebnis davon war ein schönes blutiges Muster, welches ich als Andenken an die Wanderung davontrug.
Angekommen beim Cosy Corner, saßen wir noch eine Weile am Strand, aßen unsere Brotdosen leer und schauten aufs Meer hinaus. Den Sonnenuntergang hatten wir verpasst, doch der Blick auf den Ozean, begleitet von dem sanften Meeresrauschen, bescherten dem Tag dann doch irgendwie noch einen schönen Abschluss.

Irgendwie war es dann doch ganz schön!
Auch wenn Svenja und ich während der Wanderung (neben Verzweiflung und Frust) auch ziemlich viele lustige Momente hatten, war die Route alles in allem nicht besonders schön gewesen. Von den insgesamt drei Stunden, waren es vielleicht drei Minuten gewesen, in denen uns die Strecke einen tollen Ausblick aufs Meer bescherte. Die Fotos, die während diesen drei Minuten entstanden sind, sind toll geworden und könnten in dem ein oder anderen sicherlich das Fernweh wecken! Aber wie gesagt, sind sie lediglich eine Momentaufnahme eines Tages, der uns (metaphorisch gesehen) mehr Schatten als Sonne gespendet hatte. Aber auch solche Erfahrungen gehören zum Reisen dazu und sind wichtig, um die schönen Momente wieder mehr wertschätzen zu können!



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