Einmal durch den Monsun

Wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, war es schon dunkel, als Svenja und ich bei der Ziegenfarm ankamen. Dennoch ließen uns die holprigen Sandwege, welche uns in ein waldiges Gebiet führten, relativ schnell vermuten, dass die Farm wesentlich weiter von Albany entfernt lag, als wir anfangs gedacht hatten. Während die Farmerin uns fröhlich über das Leben auf dem Land berichtete, schweifte mein Blick immer wieder aus dem Fenster. Felder und Wiesen zogen an uns vorbei; dann wieder ein ganzes Stück Wald – inmitten dessen ab und an mal ein einsames Haus; weitere Wiesen mit Kühen, Pferden und Schafen, abermals gefolgt von Waldabschnitten, und die ganze Zeit ging es bergauf und wieder bergab. Innerlich dachte ich bereits darüber nach, wie anstrengend es sein musste, hier joggen zu gehen.
„Wir sind gleich da!“, sagte die Farmerin irgendwann.
Kurze Zeit später bog sie in eine breite Einfahrt ein. Im schwachen Licht des Mondes, baute sich vor uns ein großes Haus auf, während von weitem bereits das Meckern der Ziegen zu hören war. Nach insgesamt sieben Stunden Fahrt, waren wir endlich auf der Ziegenfarm angekommen!


Während in Deutschland ab Juni der Sommer startet, beginnt zur selben Zeit in Australien der Winter. Natürlich ist der australische Winter nicht mit der (theoretisch) schneeweißen Jahreszeit in Deutschland zu vergleichen. Dennoch habe ich bereits vor meiner Reise ans andere Ende der Welt gehört, dass es durchaus kalt werden kann. Da die Rede hier aber von maximal 12 Grad war, hätte ich niemals gedacht, dass ich tatsächlich so doll frieren würde. Demnach hatte ich natürlich auch keine Wintersachen dabei … . Großer Fehler, wie sich herausstellte. Zumindest, wenn man nicht hinter der Sonne herreist (denn ja, irgendwo in Australien ist immer Sommer), sondern sich stattdessen dazu entschließt, pünktlich zu den kältesten Monaten des Jahres, nach Western Australia aufzubrechen.
Nach unserer ersten Nacht im Outback, waren wir uns kurz unsicher, ob wir vielleicht versehentlich nach Alaska geflogen waren. Bei unserem Orientierungssinn hätte es mich nicht gewundert. Aber als wir später dem Farmer begegneten und dieser mit uns auf australisch zu sprechen begann, waren wir doch wieder überzeugt davon, dass wir uns in Australien befanden! 😀
Morgens war es teilweise so kalt, dass man den eigenen Atem sehen konnte und sich unsere Hände blau verfärbten. Im Verlauf des Tages, wurde es dann wieder besser. Aber wie gesagt – ohne die Wärmflaschen hätten wir die Nächte vermutlich nicht überlebt!

Außerdem kamen wir nicht nur pünktlich zum kältesten Monat des Jahres an, sondern zeitgleich auch zum Start der Regenzeit! Sinnvolle Reiseplanung ist voll unser Ding, würde ich sagen. 😀
Drei Tage lang schüttete es durchgehend wie aus Eimern. Dazu hatte Tokio Hotels Monsun währenddessen Australien erreicht. Es wehte ein so kräftiger Sturm, dass man nur darauf wartete, jeden Moment eine Ziege am Fenster vorbeifliegen zu sehen. Richtig super wurde es auch noch, als wir plötzlich keinen Strom mehr hatten. Und kein Strom im Outback bedeutete zeitgleich auch, dass das Wasser ebenfalls ausblieb.
„Da kann man leider nichts machen, außer abzuwarten“, sagte die Farmerin zu uns.
Mehrere Stunden lang, verbrachten wir also ohne Wasser und Strom im Haus, während draußen die Welt unterging. In der Hoffnung, alles würde wieder normal sein, sobald ich aufwachen würde, legte ich mich schlafen. Es waren nur knapp zwanzig Minuten – aber es funktionierte tatsächlich! Als ich meine Augen aufschlug, ging das Licht meiner Nachttischlampe wieder an!
Kurze Zeit später erfuhren wir auch den Grund für den Stromausfall – ein Regenschirm hatte sich in einer Stromleitung verheddert und für einen Wasser- und Stromverlust in knapp 3000 Häusern in der Gegend rund um Albany gesorgt. Zum Glück war es nicht mein Regenschirm gewesen 😀

Fernab der Zivilisation, zwischen bergiger Waldlandschaft und kilometerweiten Feldern, stört es übrigens auch niemanden, wenn man an einem Sonntag um sieben Uhr morgens lautstark den neuen Beat auf dem Schlagzeug übt und kurz darauf das Radio aufdreht, um beim Bau der neuen Veranda von Melvin Taylor begleitet zu werden. Klingt befremdlich, ist aber ein völlig normaler Bestandteil der morgendlichen Routine des Farmers der Ziegenfarm. Da der nächste Nachbar ohnehin knapp einen Kilometer entfernt wohnt, ist es eher unwahrscheinlich, eine Beschwerde wegen Ruhestörung zu erhalten. Es hat also definitiv seine Vorteile, mitten im nirgendwo zu leben.






Jeden Morgen mussten wir um zehn Uhr mit der Arbeit starten. Treffpunkt war hierbei der große Schuppen (Big Shit), indem alle möglichen Sachen aufbewahrt wurden. Warum genau der Farmer seinen Schuppen Big Shit nannte, war uns anfangs gänzlich unklar. Am ersten Tag überlegten wir sogar kurz, ob er mit der Bezeichnung vielleicht den Misthaufen meinte. Doch da wir keinen logischen Grund finden konnten, warum wir uns bei dem Misthaufen treffen sollten, stellten wir uns einfach vor dem Schuppen. Dort waren wir richtig, wie wir kurz darauf feststellten.

Hinten rechts sieht man den Big Shit.
Erst viel später, fanden wir durch einen Zufall heraus, dass der Farmer (der, wie oben bereits angedeutet, perfektes australisch spricht) niemals von einem Big Shit gesprochen hatte. Stattdessen war die Rede von Big Shed, also das englische Wort für Schuppen.








Unkraut jäten stand fast täglich auf dem Plan.




Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Tatsache, dass die Farmer sogar ihren eigenen Müll entsorgen müssen. Einmal im Monat werden die Mülltonnen auf einen Anhänger geladen, welcher dann zur ungefähr zehnminütig entfernten Müllhalde gebracht wird. Zugegeben war ich überrascht davon, wie strukturiert diese Deponie ist. Plastik, Papier, Bioabfall und Elektroschrott wird klar voneinander getrennt. Und das Highlight der Müllhalde ist definitiv die kleine Bibliothek, in welcher es eine zahlreiche Auswahl an Büchern zum Mitnehmen gibt.





Das mit der Bibliothek ist echt cool! Und die Veranda ist voll gut geworden💪