Einmal durch den Monsun

Kein Internet, kein Supermarkt, keine Verbindung in die Stadt – sechs Wochen lang wurde dies zu unserer Realität, als meine Backpackerfreundin Svenja und ich uns dazu entschieden, auf einer Ziegenfarm in Australien zu arbeiten. So wirklich wussten wir zuvor allerdings nicht, was uns hier erwarten würde. Blindlings ließen wir uns auf das Abenteuer ein, welches uns einen tiefen Einblick in das Leben im australischen Outback gewährte.
Angekommen auf der Ziegenfarm!

Wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, war es schon dunkel, als Svenja und ich bei der Ziegenfarm ankamen. Dennoch ließen uns die holprigen Sandwege, welche uns in ein waldiges Gebiet führten, relativ schnell vermuten, dass die Farm wesentlich weiter von Albany entfernt lag, als wir anfangs gedacht hatten. Während die Farmerin uns fröhlich über das Leben auf dem Land berichtete, schweifte mein Blick immer wieder aus dem Fenster. Felder und Wiesen zogen an uns vorbei; dann wieder ein ganzes Stück Wald – inmitten dessen ab und an mal ein einsames Haus; weitere Wiesen mit Kühen, Pferden und Schafen, abermals gefolgt von Waldabschnitten, und die ganze Zeit ging es bergauf und wieder bergab. Innerlich dachte ich bereits darüber nach, wie anstrengend es sein musste, hier joggen zu gehen.


„Wir sind gleich da!“, sagte die Farmerin irgendwann.


Kurze Zeit später bog sie in eine breite Einfahrt ein. Im schwachen Licht des Mondes, baute sich vor uns ein großes Haus auf, während von weitem bereits das Meckern der Ziegen zu hören war. Nach insgesamt sieben Stunden Fahrt, waren wir endlich auf der Ziegenfarm angekommen!

Die Einfahrt zur Ziegenfarm.
Nachdem ich in der Vergangenheit teilweise nicht sehr gute Erfahrungen mit Unterkünften gesammelt hatte, war ich ein wenig nervös, als wir das große Haus betraten. Von außen sah es nicht sonderlich einladend aus. Umso überraschter war ich daher, als ich über die Schwelle der Eingangstür trat. Das Haus war sehr geräumig und vor allem sauber. Es gab drei Schlafzimmer, ein Badezimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche und einen kleinen Hauswirtschaftsraum. Nicht ganz so toll war, dass man im Haus kein Internet hatte. Eine Heizung gab es nebenbei bemerkt auch nicht, aber das war halb so wild, dachten wir uns. Wir befanden uns schließlich in Australien! Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass hier – im vermeintlich sonnigen Down Under – die Wärmflasche zu unserem besten Freund werden würde.
Unser Zuhause für die nächsten sechs Wochen.

Während in Deutschland ab Juni der Sommer startet, beginnt zur selben Zeit in Australien der Winter. Natürlich ist der australische Winter nicht mit der (theoretisch) schneeweißen Jahreszeit in Deutschland zu vergleichen. Dennoch habe ich bereits vor meiner Reise ans andere Ende der Welt gehört, dass es durchaus kalt werden kann. Da die Rede hier aber von maximal 12 Grad war, hätte ich niemals gedacht, dass ich tatsächlich so doll frieren würde. Demnach hatte ich natürlich auch keine Wintersachen dabei … . Großer Fehler, wie sich herausstellte. Zumindest, wenn man nicht hinter der Sonne herreist (denn ja, irgendwo in Australien ist immer Sommer), sondern sich stattdessen dazu entschließt, pünktlich zu den kältesten Monaten des Jahres, nach Western Australia aufzubrechen.
Nach unserer ersten Nacht im Outback, waren wir uns kurz unsicher, ob wir vielleicht versehentlich nach Alaska geflogen waren. Bei unserem Orientierungssinn hätte es mich nicht gewundert. Aber als wir später dem Farmer begegneten und dieser mit uns auf australisch zu sprechen begann, waren wir doch wieder überzeugt davon, dass wir uns in Australien befanden! 😀

Morgens war es teilweise so kalt, dass man den eigenen Atem sehen konnte und sich unsere Hände blau verfärbten. Im Verlauf des Tages, wurde es dann wieder besser. Aber wie gesagt – ohne die Wärmflaschen hätten wir die Nächte vermutlich nicht überlebt!

Tagsüber wurde es meistens wärmer.

Außerdem kamen wir nicht nur pünktlich zum kältesten Monat des Jahres an, sondern zeitgleich auch zum Start der Regenzeit! Sinnvolle Reiseplanung ist voll unser Ding, würde ich sagen. 😀

Drei Tage lang schüttete es durchgehend wie aus Eimern. Dazu hatte Tokio Hotels Monsun währenddessen Australien erreicht. Es wehte ein so kräftiger Sturm, dass man nur darauf wartete, jeden Moment eine Ziege am Fenster vorbeifliegen zu sehen. Richtig super wurde es auch noch, als wir plötzlich keinen Strom mehr hatten. Und kein Strom im Outback bedeutete zeitgleich auch, dass das Wasser ebenfalls ausblieb.

„Da kann man leider nichts machen, außer abzuwarten“, sagte die Farmerin zu uns.

Mehrere Stunden lang, verbrachten wir also ohne Wasser und Strom im Haus, während draußen die Welt unterging. In der Hoffnung, alles würde wieder normal sein, sobald ich aufwachen würde, legte ich mich schlafen. Es waren nur knapp zwanzig Minuten – aber es funktionierte tatsächlich! Als ich meine Augen aufschlug, ging das Licht meiner Nachttischlampe wieder an!

Kurze Zeit später erfuhren wir auch den Grund für den Stromausfall – ein Regenschirm hatte sich in einer Stromleitung verheddert und für einen Wasser- und Stromverlust in knapp 3000 Häusern in der Gegend rund um Albany gesorgt. Zum Glück war es nicht mein Regenschirm gewesen 😀

Nach dem Regen kommt die Sonne 🙂

Fernab der Zivilisation, zwischen bergiger Waldlandschaft und kilometerweiten Feldern, stört es übrigens auch niemanden, wenn man an einem Sonntag um sieben Uhr morgens lautstark den neuen Beat auf dem Schlagzeug übt und kurz darauf das Radio aufdreht, um beim Bau der neuen Veranda von Melvin Taylor begleitet zu werden. Klingt befremdlich, ist aber ein völlig normaler Bestandteil der morgendlichen Routine des Farmers der Ziegenfarm. Da der nächste Nachbar ohnehin knapp einen Kilometer entfernt wohnt, ist es eher unwahrscheinlich, eine Beschwerde wegen Ruhestörung zu erhalten. Es hat also definitiv seine Vorteile, mitten im nirgendwo zu leben.

Hier hat man seine Ruhe.
Cool fand ich auch, dass mir morgens beim Joggen des Öfteren Kängurus über den Weg hüpften. Für die Einheimischen hier ist das total normal (ungefähr so, als ob wir in Deutschland Damwild begegnen würden :D), aber ich freute mich trotzdem richtig darüber, den Beuteltieren endlich mal in freier Wildbahn zu begegnen. Mal abgesehen von den Kängurus, leben hier in der Wildnis ebenfalls Schlangen, Spinnen, Papageien, Greifvögel und Kaninchen. Vor allem die Kaninchen sieht man recht häufig auf den Wiesen hoppeln.
Sieht aus wie im Teletubbyland 🙂
Zu unserer eigenen Sicherheit, erklärte der Farmer uns, wie wir uns verhalten müssten, sollten wir einer Schlange begegnen. Hast du eine Idee? Richtig, als erstes natürlich ein Foto machen! 😉 Danach mit den Füßen auf den Boden stampfen und in die Hände klatschen, bis die Schlange von alleine das Weite sucht. Auf keinen Fall aber, sollte man drübersteigen oder einfach weiterlaufen. In diesem Fall, würde sich die Schlange bedroht fühlen und vermutlich angreifen.
Zum Glück zeigen sich die Schlangen im Winter nur sehr selten.
Vor über fünfzehn Jahren hat sich das deutsch/ australische Farmerpaar selbstständig gemacht, indem sie sich ihren Traum einer eigenen Ziegenfarm, im Bundesstaat Western Australia, erfüllt haben. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem es auf der Farm nichts zu tun gegeben hat. Egal ob Zäune reparieren, Ställe ausmisten, Unkraut jäten oder dem Bau eines neuen Projekts nachgehen – sobald man eine Aufgabe erledigt hat, fällt auch schon die nächste an. Und wir durften bei allem fleißig mit anpacken.
Der Farmer und die Farmerin haben sich in Western Australia ihren Traum verwirklicht.
Lilly – die Hofhündin.
Neben den Ziegen leben auf der Farm auch noch zwei Alpakas, Schafe und Hühner.

Jeden Morgen mussten wir um zehn Uhr mit der Arbeit starten. Treffpunkt war hierbei der große Schuppen (Big Shit), indem alle möglichen Sachen aufbewahrt wurden. Warum genau der Farmer seinen Schuppen Big Shit nannte, war uns anfangs gänzlich unklar. Am ersten Tag überlegten wir sogar kurz, ob er mit der Bezeichnung vielleicht den Misthaufen meinte. Doch da wir keinen logischen Grund finden konnten, warum wir uns bei dem Misthaufen treffen sollten, stellten wir uns einfach vor dem Schuppen. Dort waren wir richtig, wie wir kurz darauf feststellten.

Hinten rechts sieht man den Big Shit.

Erst viel später, fanden wir durch einen Zufall heraus, dass der Farmer (der, wie oben bereits angedeutet, perfektes australisch spricht) niemals von einem Big Shit gesprochen hatte. Stattdessen war die Rede von Big Shed, also das englische Wort für Schuppen.

Da lachen selbst die Ziegen!
Wie gesagt, waren die Aufgaben auf der Farm sehr vielfältig. Da ich zuvor noch nie körperlich gearbeitet hatte, war es zu Beginn sehr anstrengend gewesen. Doch mit der Zeit gewöhnte man sich daran und es wurde leichter. Zur Verwunderung der Farmer, war das Ställe ausmisten übrigens unser Lieblingsjob. 😀 Es folgen ein paar Eindrücke von unseren Aufgaben:
Beim Bau der neuen Veranda habe ich die Holzbretter gestrichen.
Ich habe Zement gemischt und in die Löcher für die Balken gefüllt.
Der Farmer hat die Balken angebaut.
Die Veranda nimmt Form an.
Die von mir gestrichenen Bretter werden eingebaut.
Die Veranda ist fertig!

Unkraut jäten stand fast täglich auf dem Plan.

Das Beet ist wieder zu sehen.
Hier haben wir Knoblauch geschält …
… und gepflanzt.
Unser Lieblingsjob war das Ausmisten der Ställe 😀

Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Tatsache, dass die Farmer sogar ihren eigenen Müll entsorgen müssen. Einmal im Monat werden die Mülltonnen auf einen Anhänger geladen, welcher dann zur ungefähr zehnminütig entfernten Müllhalde gebracht wird. Zugegeben war ich überrascht davon, wie strukturiert diese Deponie ist. Plastik, Papier, Bioabfall und Elektroschrott wird klar voneinander getrennt. Und das Highlight der Müllhalde ist definitiv die kleine Bibliothek, in welcher es eine zahlreiche Auswahl an Büchern zum Mitnehmen gibt.

Die Bibliothek bei der Müllhalde.
Während die meisten Menschen täglich ihren Briefkasten öffnen und vermutlich erleichtert aufatmen, wenn dieser leer ist, müssen sich die Bewohner im Outback nicht mehr als zweimal die Woche mit diesem Problem beschäftigen. Öfter sieht man den Postboten hier nämlich nicht. Wer ein größeres Paket erwartet, aber nicht zu Hause anzutreffen ist, erhält einen gelben Schein. Mit diesem kann man seine Lieferung dann in der über dreißig Kilometer entfernten Stadt Albany abholen.
Die Briefkästen sehen richtig cool aus! 🙂
Auch wenn das Leben in der Natur sehr idyllisch und erholsam ist, kann es mit der Zeit auch sehr einsam werden. Wer hier auf Dauer leben möchte, braucht definitiv ein Auto, wenn man sich nicht gänzlich von der Zivilisation absondern möchte. Auch ist es wichtig, sich mit seinem Partner gut zu verstehen, denn Kontakte zu den weitläufigen Nachbarn sind in der Regel eher unüblich. Glücklicherweise nahm uns die Farmerin einmal die Woche mit in die Stadt zum Einkaufen. Außerdem waren wir in zwei unterschiedlichen Nationalparks wandern, besuchten wunderschöne verlassene Strände und beobachteten im Meer sogar Wale! Mehr dazu im nächsten Beitrag 😊

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1 Kommentar

  1. Das mit der Bibliothek ist echt cool! Und die Veranda ist voll gut geworden💪

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