Wie ich im Flutlicht-Lexus zum Fall für die australische Polizei wurde

Ende Mai habe ich mir mal wieder ein paar Tage frei genommen, um Jonny und Hund Larry auf der Farm in Winton zu besuchen. Da auf der Albury-Line nach Benalla noch immer Bauarbeiten im Gange sind, war ich statt zwei, insgesamt über vier Stunden unterwegs. Doch am Ende bin ich gut angekommen, und wurde von Kathy (Jonnys Mama) direkt auf einen Kaffee eingeladen! In Deutschland habe ich nie Kaffee getrunken (und das als Erzieherin!). Doch ich muss sagen, dass ich hier in Australien wirklich auf den Geschmack gekommen bin! Den besten Kaffee überhaupt gibt es übrigens bei Spot 4 Coffee (einem Coffee-Van neben einer Eisdiele) zu kaufen. Die Besitzer kennen mich mittlerweile, sodass mein Cappuccino mit Mandelmilch jedes Mal bereits zubereitet wird, sobald sie mich sehen. 😊

Larry ist einfach der Beste!
Auf der Farm laufen momentan ganz viele Kälber herum! 🥰

Es waren ziemlich regnerische Tage, weshalb meine Freundin Sarah (Jonnys Nachbarin) mich am Samstag-Morgen gefragt hat, ob ich mit ihr eine kleine Wanderung bei den Paradise Falls in King Valley machen möchte! Klar wollte ich, und so machten wir uns gut eine Stunde später auf den Weg.
Die Fahrt dauerte ungefähr 45 Minuten, und mit Sarah an meiner Seite, hatte ich jemanden, der sich bestens im Gebüsch auskannte. Wir liefen auf einen zugewachsenen Schleichweg entlang, bis wir schließlich zum Gipfel des Wasserfalls gelangten – na ja, theoretisch zumindest. Praktisch standen wir auf einer sehr schönen, sehr trockenen Felswand. Sarah war geschockt! Sie war schon etliche Male hier gewesen, doch noch nie hatte sie den Wasserfall ohne Wasser gesehen. Dabei hatte es die letzten Tage doch so viel geregnet! Na ja, manchmal hat eben auch die Natur ihre Geheimnisse …

Ich, wie ich auf einem Wasserfall stehe.
Die Aussicht war trotzdem fantastisch. Später sind wir auch noch hinunter zum Fuß des Wasserfalls gelaufen. Normalerweise ist hier ein Fluss, doch an diesem Tag war es mehr ein unebenes Steinbeet. Irgendwie war es dennoch ziemlich cool!
Ein Wasserfall ohne Wasser.
Die Aussicht war trotzdem toll!

Australien ist voller unvorhersehbarer Gefahren – Krokodile, giftige Spinnen und … ich hinter dem Steuer eines Autos nach fünf Uhr abends. Eigentlich wollte ich nur schnell losfahren, um im Supermarkt Hähnchen und Gemüse fürs Abendessen zu kaufen. Obwohl es erst kurz nach fünf war, begann es bereits zu dämmern. Zuvor war ich in Australien noch nie im Dunkeln Auto gefahren, weil ich es generell nicht mag, mich außerhalb des Tageslichts hinter dem Steuer zu befinden. An diesem Abend war ich jedoch entschlossen, es trotzdem zu tun, weil ich mich ja schließlich nicht mein ganzes Leben lang davor drücken kann (könnte ich schon, aber will ich nicht! :D). Außerdem kenne ich die Strecke sehr gut und mit Jonnys Lexus bin ich schon hundert Mal gefahren. Wird schon schiefgehen, dachte ich mir noch und startete den Motor.

Hier war noch alles in Ordnung! 😀

Weit kam ich jedoch nicht, da ich nichts sehen konnte. Und nein, es lag nicht daran, dass ich vergessen hatte meine Brille aufzusetzen, sondern an der Tatsache, dass das Licht des Autos ausgeschaltet war. Und obwohl ich an dem Knopf mit dem Lichtsymbol drehte, tat sich irgendwie nichts. Erst nach einigen Versuchen, bemerkte ich den kleinen Lichtschimmer, der allerdings so schwach war, dass zwei Glühwürmchen auf der Motorhaube wahrscheinlich mehr Sichtweite garantiert hätten. Ich probierte es weiter und plötzlich erhellte das Auto den Hof vor mir – und zwar in einem so grellen Licht, dass man nun wirklich alles sehen konnte! „Herzlichen Glückwunsch! Merle hat das Fernlicht entdeckt! Beim nächsten Mal lernen wir dann das Lenkrad kennen“, hätte Jonny vermutlich gedacht, wenn er in dem Moment aus dem Fenster gesehen hätte. Da das Fernlicht das einzige Licht war, das sich anschalten ließ, beschloss ich, dass es schon passen würde. Helles Licht war schließlich immer noch besser als gar kein Licht!

Also fuhr ich los. Erst war noch alles gut – bis zu dem Zeitpunkt, als ich auf die Hauptstraße abbog. Kaum kamen mir die ersten Autos entgegen, gaben mir diese ständig Signale mit der Lichthupe. Ups. Mir war bewusst, dass Gegenverkehr und Fernlicht eine ziemlich asoziale Kombination sind. Ich war nicht mehr auf dem Weg zum Supermarkt, sondern auf einer Mission, den Gegenverkehr komplett zu erblinden. Kurz schaltete ich das Licht wieder auf das schwache Glühwürmchen-Schimmern um – aber ich konnte absolut nichts sehen und spürte förmlich, wie ich dabei war, immer mehr von der Fahrbahn abzukommen. Es half alles nichts. Ich musste zurück ins Flutlicht wechseln. Das Spiel für den Rest der Fahrt sah also wie folgt aus: Sobald ein Auto kam, schaltete ich panisch auf Blindflug um, verlor die Straße aus den Augen, riss das Fernlicht wieder an, blendete den Gegenverkehr und erntete wütendes Dauerblinken. Dementsprechend war ich froh, als ich endlich auf dem Supermarkt-Parkplatz zum Stehen kam – fürs Erste jedenfalls. Den Gedanken, dass ich später ja noch wieder zurückfahren musste, verdrängte ich gekonnt. Ich erledigte meinen Einkauf, unterhielt mich noch kurz mit der Besitzerin meines Lieblingskaffeespots in Benalla, die ich an der Kasse traf, bevor ich dann schließlich wieder zurück zum Auto lief. Ich stieg ein, schaltete den Motor an und – ach ja, das Licht! Ich fühlte mich wirklich sehr sehr schlecht, als ich langsam wieder auf die Straße rollte und mir nach einigen Metern erneut nichts anderes übrigblieb, als das Fernlicht anzuschalten. Die Antwort des Gegenverkehrs kam sofort! Ich habe keine Ahnung wie, aber irgendwie habe ich es am Ende dennoch unfallfrei nach Hause geschafft. Als ich ins Haus ging, präsentierte ich Jonny erst einmal meine Einkäufe (ich hatte noch zwei Teppiche für sein neues Badezimmer mitgebracht), bevor ich ihm dann sagte, dass mit seinem Licht irgendwas nicht stimmt.

„Was meinst du?“, wollte er wissen. „Du musst doch nur an dem Schalter drehen.“
„Hab ich gemacht“, antwortete ich. „Aber das Licht war so schwach, dass man fast gar nichts sehen konnte. Ich glaube, das ist kaputt.“
„Nee, das ist nicht kaputt“, entgegnete Jonny. „Das gehört so.“
„Okay, gut zu wissen. Dann bin ich zumindest nicht zu doof, um das Licht anzuschalten“, sagte ich und erzählte ihm daraufhin die nicht ganz so erhellende Neuigkeit über meine Fahrt zum Supermarkt. Im Gegensatz zu mir, fand Jonny die Story ziemlich amüsant und hat lachend gefragt: „Also sind jetzt alle anderen wegen dir erblindet?“
„Ja“, sagte ich. „Wahrscheinlich schon. Aber immer noch besser als tot.“

Zugegeben hatte ich wirklich ein schlechtes Gewissen. Und es wurde noch größer, als plötzlich Jonnys Handy klingelte. Das war die Polizei. Sie berichteten, dass sich mehrere Anrufer darüber beschwert hatten, dass jemand betrunken in Jonnys Lexus durch Benalla fahren und die Straßen durch das nicht ausgeschaltete Fernlicht unsicher machen würde. Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Es war irgendwie peinlich und lustig zugleich. Zum Glück konnte Jonny mich schnell aus der Nummer rausreden („Oh, tut mir leid. Das war nur Merle. Sie ist eine deutsche Backpackerin und noch neu auf der Straße. Ich werde mit ihr sprechen und ihr sagen, dass das nicht in Ordnung war.“).
Nachdem ich vor ein paar Monaten bereits einen Zeitungsartikel für die Benalla Ensign geschrieben habe, ist mein Name nun also nicht nur bei den lokalen Journalisten, sondern auch bei der Polizei bekannt (kurz hatte ich befürchtet, dass die nächste Schlagzeile nun über mich handeln würde, haha)! Man kann mir ja vieles vorwerfen, aber definitiv nicht, dass ich in Benalla keinen bleibenden Eindruck hinterlasse!

Ach ja, und das Hähnchen hat am Ende übrigens hervorragend geschmeckt! 😋

Ende gut, alles gut. 💛

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2 Kommentare

  1. Oh je, ich mag es auch nicht im Dunklen zu fahren und nach der Story spricht auch nicht mehr dafür 😅
    Aber hey, du hast es durchgezogen und geschafft und es ist zum Glück niemanden was passiert.
    Die Aussicht beim Wasserfall ohne Wasser war aber sehr schön 🤩

    Antworten

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