Der Schrank über der Treppe

Auch wenn es mir nicht leichtgefallen ist, habe ich die Farm, nach über vier Monaten, nun mittlerweile verlassen. Obwohl ich bereits viel zu viel Gepäck hatte (einen 70 Liter Backpack, einen Rucksack, eine kleine Handtasche, eine Laptoptasche und dann auch noch einen extra Beutel, weil nicht all meine Klamotten in den Backpack gepasst haben), ist mir im Zug dennoch eingefallen, dass ich meine rote Jacke in meinem Zimmer vergessen habe. Na ja egal, sie hätte eh nicht mehr in den Rucksack gepasst …

Pünktlich um 14:08 Uhr ist der Zug vom Bahnhof in Benalla losgefahren. Für mich sollte es in die Hafenstadt Geelong (ca. 70 km von Melbourne entfernt) gehen. Dort habe ich einen Job als Kellnerin in einem Restaurant zugesagt bekommen. Normalerweise dauert die Fahrt von Benalla nach Geelong nur zirka vier Stunden. Doch aufgrund von Bauarbeiten, waren ein paar Bahngleise gesperrt, sodass ich insgesamt mehr als sechs Stunden unterwegs gewesen bin. Zwischendurch musste ich in drei verschiedene Busse steigen, wobei ich meine Orientierung bereits beim ersten Umstieg verloren habe. Auf Google Maps ist mir nur die originale Route angezeigt wurden, und die Mitarbeiter beim Hauptbahnhof waren so belagert von anderen ratlosen Passagieren gewesen, dass ich beschlossen habe, einfach auf meinen eigenen Instinkt zu vertrauen. Am Ende habe ich mich wirklich gefragt, wie genau ich es geschafft habe – aber auf jeden Fall bin ich schlussendlich irgendwie am Ziel angekommen.

Ich werde Larry sehr vermissen 😪

Vorab wurde mir von dem Restaurantbesitzer eine kostenlose Unterkunft versprochen, welche ich mir mit anderen deutschen Backpackern teilen würde, die ebenfalls für das Restaurant arbeiten. Die Arbeitszeiten im Restaurant sollten 30 Stunden die Woche betragen, mit einem Gehalt von 30 Dollar die Stunde unter der Woche, und am Wochenende sogar 36 Dollar die Stunde. Das klang ziemlich gut – fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein. Aber da ich bereits ein paar Tage vor meiner Anreise mit einem Mädchen gesprochen habe, die in der Vergangenheit auch für das Restaurant gearbeitet und es als gut empfunden hat, habe ich einfach darauf vertraut, dass es mir ebenso gut gefallen würde. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich nicht einen einzigen Fuß in das Restaurant setzen würde …

Bereits als ich das alte verwinkelte Gebäude betrat, in dem sich meine Unterkunft befinden sollte, überkam mir ein mulmiges Gefühl. Ich weiß nicht genau warum, aber aus irgendeinem Grund hatte ich die leise Vorahnung, dass ich mich hier nicht wohlfühlen würde. Dennoch versuchte ich dieses Gefühl zu unterdrücken und optimistisch zu bleiben. Schließlich verstecken sich die größten Schätze manchmal hinter den unscheinbarsten Türen. Mit diesem Gedanken stieg ich die etlichen Treppenstufen hinauf, bis ich schließlich vor der richtigen Wohnung zum Stehen kam. Die Tür stand einen Spalt weit offen. Vorsichtig öffnete ich sie, rief laut „Hallo“ und ging hinein. Kurz darauf machte ich Bekanntschaft mit den fünf anderen deutschen Backpackern. Sie waren alle sehr freundlich, aber dennoch ging mir eine Frage nicht aus dem Kopf: „Wie soll man in dieser winzig kleinen Wohnung mit sechs Leuten wohnen???“

Diese Unterkunft war gerade mal groß genug für eine, höchstens zwei Personen! Dennoch versuchte ich mir mein Misstrauen nicht anmerken zu lassen (was mir wahrscheinlich nicht gelungen ist), sondern ließ mir erst einmal mein Zimmer zeigen.

Diese Küche wird sich mit sechs Personen geteilt.

Ich bin zwar ein großer Harry Potter – Fan, aber meine Liebe geht dann doch nicht so weit, dass ich unbedingt herausfinden muss, wie es für den Zauberer war, in einem Schrank unter der Treppe zu schlafen. So ähnlich habe ich mich in dem Moment gefühlt, als mir mein Zimmer gezeigt wurde. Zwar war es eher ein Schrank über der Treppe, aber im Grunde kommt das Gleiche bei raus. Es war dunkel und muffig und es gab kein Fenster. Der einzige Unterschied zu Harrys Kammer war, dass ich mir das Zimmer teilen musste und auch kein Bett hatte, sondern nur eine harte Matratze.

Der Schrank über der Treppe – hätte ich an diesem Abend noch erfahren, dass ich in Wahrheit eine Hexe bin, wäre alles nur halb so wild gewesen … 😂

Es wurde noch besser, als ich die anderen gefragt habe, an welchen Tagen sie in dem Restaurant arbeiten. Die Antwort darauf klang nicht sehr vielversprechend. Momentan arbeiten sie alle nur sehr wenig, da es nicht viel zu tun gibt. Eines der Mädchen ist bereits seit Neujahr dort und hatte zu dem Zeitpunkt erst eine einzige Schicht gehabt. Ich weiß, dass wir als Backpacker zur untersten Rangordnung gehören, aber dennoch klang das alles für mich sehr nach Ausbeutung. Langsam wurde mir bewusst, dass ich vermutlich nur ein weiterer von sehr vielen Arbeitern war, der einfach nur wie altes Geschirr in eine Kiste gestopft und in den Keller gebracht wird – für den Fall, falls eine der hochwertigen Tassen mal kaputt gehen sollte und man vorübergehenderweise zu dem billigen Geschirr zurückgreifen muss.

Das musste ich erst einmal verarbeiten. Ich bin nach draußen gegangen, um ein bisschen frische Luft zu bekommen und meine Gefühle zu ordnen. Dann habe ich dem Restaurantbesitzer eine Nachricht geschrieben, um ihn mitzuteilen, dass ich jetzt da bin und außerdem zu fragen, wann mein erster Arbeitstag sein würde. Ehrlich gesagt hat es mich nicht wenig überrascht, als er daraufhin meinte, dass er dies noch nicht sicher sagen könnte. Vor Mittwoch würde ich zumindest nicht anfangen können zu arbeiten (es war Sonntag) und 30 Stunden die Woche war auch nur für das gute Personal gedacht. Allen anderen konnte er nichts garantieren, weil sie sich erst einmal beweisen mussten. Na super – kein Bett, keine Arbeit, kein Geld. Aber zumindest würde ich eine 1A – Harry Potter Erfahrung machen – man muss ja positiv bleiben!

Da es schon spät war, beschloss ich, erst einmal eine Nacht hier zu verbringen und am nächsten Tag zu überlegen, wie es weitergehen soll. Dennoch ging es mir alles andere als gut. Ich habe mich so alleine wie schon lange nicht mehr gefühlt, wusste nicht was ich tun soll und war einfach überfordert mit der Gesamtsituation gewesen. In der Nacht habe ich kaum geschlafen, und am nächsten Morgen hatte ich so starke Kopfschmerzen, dass ich sogar meine Laufrunde nach unfassbaren siebzehn Minuten abgebrochen habe (immerhin besser als gar nichts haha). Trotzdem war ich total überhitzt. Zudem hatte ich noch immer keinen Plan, wie meine nächsten Schritte nun aussehen sollten. Ich wusste lediglich, dass ich auf keinen Fall noch eine Nacht in dieser Unterkunft schlafen wollte. Das war keine große Erkenntnis, aber immerhin ein Anfang.

Wird schon alles irgendwie.

Nachdem ich eine Weile am Wasser entlang spaziert war und ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, ging es mir ein bisschen besser. Manchmal zeigt sich der Weg erst, wenn man anfängt ihn zu gehen. In diesem Fall hat mich mein Weg zu dem nächstbesten Motel geführt, wo ich mir ein Zimmer für die nächsten drei Nächte gebucht habe. Danach habe ich mich auf den Rückweg zur Unterkunft begeben, um meine Sachen zu holen. Natürlich musste ich mich währenddessen erst zweimal verlaufen, bevor ich das richtige Gebäude schließlich gefunden habe. Es war gerade mal halb acht – alle anderen schliefen noch. Innerhalb fünf Minuten hatte ich meine Sachen gepackt und den anderen eine Nachricht hinterlassen, in denen ich ihnen mitteilte, dass ich nun wieder gehen würde. Auch meinem Chef habe ich mitgeteilt, dass ich enttäuscht von der Unterkunft, sowie den Arbeitsbedingungen bin, die anderes gewesen als vereinbart waren. Immerhin hat er mir daraufhin alles Gute für die Zukunft gewünscht.

Der Hafen von Geelong.

Manchmal gewinnt man, und manchmal lernt man, ist ein bekanntes Zitat vom amerikanischen Autor John Maxwell. Eine von den vielen Sachen, die ich bislang in Australien gelernt habe, ist, dass – egal wie verzweifelt die Situation auch sein mag – es immer eine Lösung gibt. Alles passiert aus einem bestimmten Grund. Vielleicht musste ich die obengenannte Erfahrung machen, um auf den Weg zu kommen, der mich wieder ins Licht laufen lässt. Auf jeden Fall hatte die ganze Sache auch etwas Gutes – ich hatte genug Zeit, um Geelong und die Nachbarorte zu erkunden. Beispielsweise war ich in Torquay, eine kleine Surferstadt am Meer, wo es mir richtig gut gefallen hat. Und in Geelong selber habe ich das erste Mal einen Almond – Mocha probiert. Sehr lecker! 😋

Torquay ist super schön!

Glücklicherweise hat es nicht lange gedauert, bis ich einen neuen Job gefunden habe. Durch eine ehemalige deutsche Backpackerin namens Viktoria, habe ich den Kontakt von einem Restaurantbesitzer in Traralgon bekommen. Dieses Mal habe ich genau nachgefragt und mich doppelt vergewissert, dass die Arbeitsbedingungen auch so stattfinden werden, wie vereinbart. Es klang alles sehr gut, weshalb ich am darauffolgenden Donnerstag optimistisch gestimmt erneut in den Zug gestiegen bin und gespannt war, was mich in Traralgon erwarten würde. Die Antwort darauf, erfährst du im nächsten Bericht!

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1 Kommentar

  1. Alles richtig gemacht. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Viele Grüße aus Oerel

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