Über Postkarten in die Schweiz

Vor ungefähr sechs Jahren, genauer genommen im Sommer 2019, besuchten Nina und ich meine Freundin Emma in Hannover. Diese hatte uns zu ihrer Abschiedsfeier eingeladen, da sie mit einer Organisation für ein Jahr nach Ruanda reisen würde. Nina und ich freuten uns schon sehr darauf, unsere Freunde aus dem Skiurlaub wieder zu treffen und zeitgleich auch Emmas großen Bekanntenkreis kennenzulernen, von welchem sie uns im Vorfeld bereits eine Menge erzählt hatte. Relativ schnell stellten wir fest, dass Emmas Freunde tatsächlich von überall herkamen. Demnach war die Party ziemlich gut besucht und getränkt von lebhaften Gesprächen, lauter Musik und viel Alkohol. Nina konnte sich schnell in die Gruppe eingliedern und hob die Stimmung durch ihre gute Laune (sowie ihrem trinkfestem Naturell) rasant an. Ich für meinen Teil, bin allerdings noch nie gerne in Clubs oder Discotheken unterwegs gewesen, weshalb ich schon nach kurzer Zeit teilnahmslos an der Seite stand und lächelnd mit dem Kopf nickte, während ich mich insgeheim ziemlich unwohl fühlte und keinen Plan hatte, was ich tun sollte. Nach einer Weile fiel mir dabei ein Mädchen auf, welches ebenfalls alleine an der Seite stand und es nicht wirklich schaffte, Anschluss in der feiernden Menge zu finden. Kurzerhand gesellte ich mich zu ihr. Wir begannen zu quatschen und sie stellte sich als Janka vor und erzählte mir, dass sie aus der Schweiz kam. Unser Gespräch hielt kaum länger als fünfzehn Minuten an, doch es reichte aus, um ebenfalls zu erfahren, dass Janka kurz vor ihrem einjährigen Aufenthalt in Oxford stand. Sie fragte mich, ob sie mir eine Postkarte schreiben solle. Schulterzuckend stimmte ich zu. Und so kritzelte ich ihr schnell meine Adresse auf ein Blatt Papier, bevor im nächsten Moment Nina auf mich zugelaufen kam und mich mit zu unseren Freunden aus dem Skiurlaub zog. Mit Janka sprach ich an diesem Abend nicht mehr und hatte sie, nachdem ich ein paar Tage später wieder zu Hause war, schon recht bald vergessen – bis zu dem Nachmittag, an dem ich nach der Schule meinen Briefkasten öffnete und eine Postkarte aus Oxford vorfand. Zugegeben war ich schon ein wenig überrascht, da ich nicht gedacht hätte, dass Janka mir tatsächlich schreiben würde. Doch ich freute mich sehr darüber. Während der nächsten Monate brachte der Postbote regelmäßig Karten aus England vorbei, in denen Janka ausführlich über ihre Erlebnisse und Eindrücke im vereinigten Königreich berichtete. Für mich war es unfassbar spannend, sie auf diesem Wege ein Stück weit bei ihren Abenteuern begleiten zu können, zumal die Postkarten unsere einzige Verbindung waren. Ihre Handynummer hatte ich zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht. Im Laufe der Jahre begann auch ich, meine Reisen mit Janka zu teilen und ihr Postkarten zu schicken. Und so hielten wir auf diesem Wege Kontakt. Das spannende dabei war, dass man nie genau wusste, wann die nächste Postkarte eintreffen würde. Mal waren es ein paar Wochen, manchmal aber auch Monate. Auf jeden Fall freute ich mich jedes Mal sehr, wenn der Postbote eine neue Karte vorbeibrachte. 

Inzwischen folgten Janka und ich uns auch gegenseitig auf Instagram. Dennoch fand unser Austausch weiterhin über den Postweg statt. Einmal schrieb Janka mir, dass ich sie ja auch mal in der Schweiz besuchen kommen könnte, so oft wie ich in Österreich war. Ich behielt diesen Gedanken im Hinterkopf und als ich im November 2023 feststellte, dass ich noch zehn Urlaubstage hatte, beschloss ich kurzerhand, für ein verlängertes Wochenende in die Schweiz zu fliegen. Ich nahm Kontakt zu Janka auf, um ihr von meinem Plan zu erzählen. Sie versprach mir daraufhin, sich das Wochenende freizuhalten, damit wir uns treffen könnten. Sieben Tage später war es dann soweit – um sechs Uhr morgens stand ich in Hamburg am Flughafen, um meinen kurzen Flug nach Zürich anzutreten.

 

Blick aus dem Flugzeugfenster.

Angekommen in Zürich, wartete bereits die erste Herausforderung auf mich. Da ich meine mobilen Daten ausschalten musste (die Schweiz versteht es sehr gut, Geld zu machen), war ich gezwungen, meine Unterkunft ohne Internet zu finden. Doch als erstes musste ich es irgendwie schaffen, den Flughafen zu verlassen. Hierbei kamen für mich nur zwei Möglichkeiten in Frage – Bus oder Bahn. Ich entschied mich für den Bus. Clever wie ich bin, hatte ich mir bereits im Voraus ein Screenshot von der Buslinie gemacht, welche ich wählen musste, um zu meinem Hotel zu gelangen. Die Bushaltestelle hatte ich schnell gefunden und den dazugehörigen Bus auch. Erleichtert darüber, den ersten Schritt schon mal geschafft zu haben und endlich in das warme Fahrzeug einsteigen zu können (es war Ende November und ziemlich kalt), setzte ich meinen Fuß auf die erste Stufe des Busses, mit der Intention, eine Fahrkarte beim Fahrer zu kaufen. Dieser schüttelte daraufhin jedoch mit dem Kopf und erklärte mir im tiefem Schweizer Dialekt, dass ich mein Ticket vorher am Automaten ziehen müsse. Das kannte ich so aus Deutschland nicht. Ich bedankte mich und lief eilig los. Es dauerte einen Moment, bis ich verstanden hatte, welches Ticket ich bei dem Automaten auswählen musste. Doch letztendlich fand ich es heraus und lief schnell (mit der richtigen Fahrkarte in der Hand) zurück, nur um dann festzustellen, dass der Bus bereits abgefahren war. Seufzend ließ ich die Schultern hängen. Ein Glück dauerte es jedoch nicht lange, bis der nächste Bus angefahren kam und ich endlich einsteigen konnte. Wir fuhren los und ich beobachtete, wie die Häuser an uns vorbeizogen. Angekommen an meiner Zielbushaltestelle stieg ich schließlich aus. Nun stand ich vor dem nächsten Problem. Ich hatte mir vorher zwar die richtige Buslinie rausgesucht, nicht aber den Weg zum Hotel. Kurz überlegte ich, jemanden nach dem Weg zu fragen. Doch da ich mich zu diesem Zeitpunkt alleine an der Bushaltestelle befand, beschloss ich, dass ich es schon irgendwie selbst schaffen würde. Optimistisch lief ich also los und schlenderte dann eine Straße entlang, die mich an ein paar Geschäften vorbeiführte und schließlich einen kleinen Berg hinauf, in den Ort hinein. Eine halbe Stunde lang war ich unterwegs und schaute mir die hübsche Häusersiedlung an. Nur leider war es die falsche Richtung. Diese Gegend sah viel zu einheimisch aus, sodass ich mir nicht vorstellen konnte, dass hier irgendwo ein Hotel sein würde. Also wechselte ich die Straßenseite (Zitat Janka: „Ich kehre nicht einfach um, ich finde immer einen Weg. Und sei es auch, dass der Weg einfach nur auf die andere Straßenseite führt.“) und lief den Berg wieder hinab. Unten angekommen, hielt ich es dann doch für eine gute Idee, in einem der Geschäfte nach dem Weg zu fragen. Ich wählte eine Apotheke aus und erklärte ihr mein Problem. Die freundliche Mitarbeiterin wusste auch nicht genau, wo sich das Hotel befand, gab die Adresse jedoch am Computer ein. Anhand einer Karte schauten wir uns auf dem PC gemeinsam den Weg an. Ich versuchte mir die Straßennamen einzuprägen, bedankte mich bei ihr, und lief dann wieder los – dieses Mal in die andere Richtung. Tatsächlich hatte ich das Hotel dann relativ schnell gefunden, welches sich (nebenbei bemerkt) gerade mal zehn Minuten entfernt von der Bushaltestelle befand. Allzu viel Zeit hatte ich dennoch nicht verschwendet, denn es war gerade Mal halb zehn am Morgen. Dennoch war ich ziemlich müde und zudem war mir kalt, weshalb ich mich bereits darauf freute, endlich eine Pause im Hotelzimmer machen zu können. Tja, doof nur, dass mein Hotelzimmer noch nicht fertig war und ich noch bis 14 Uhr warten musste, bis ich einchecken konnte. Also ging es für mich wieder raus in die Kälte. Immerhin konnte ich die Zeit gut nutzen, um den kleinen Vorort Zürichs zu erkunden. Unter anderem fuhr ich mit der Straßenbahn in ein Shoppingcenter, wo ich ein cooles Café mit Schaukeln als Sitzplätze fand. Außerdem stöberte ich mich durch diverse Buchhandlungen und kaufte ein paar Lebensmittel ein. Und irgendwann war es dann auch endlich spät genug, dass ich zurück zum Hotel fahren konnte.

Schön hier, nur leider die falsche Richtung.

Das Café mit den Schaukeln.

Am nächsten Tag traf ich mich dann endlich mit Janka. Nach fünf Jahren war es das zweite Mal, dass wir uns persönlich sahen, aber komischerweise fühlte es sich an, als würden wir uns bereits ewig kennen. Wir fuhren gemeinsam in die Innenstadt Zürichs , wo Janka sich als ein richtig guter Tourguide erwies. Von der Altstadt, bis zum Zürichsee, sowie der berühmten Bahnhofsstraße, als auch das Unigebäude und die dazugehörige Polybahn, hatte ich am Ende des Tages bereits einen großen Teil der Stadt kennengelernt.

Die Altstadt Zürichs besteht aus vielen engen Gassen und bunten Häusern.

Der Zürichsee – die beiden Seiten werden auch Gold- und Silberküste genannt.

In der Bahnhofsstraße gibt es viele Geschäfte bekannter Marken.

Vom Lindenhof hat man einen tollen Ausblick auf die Stadt.

Man behauptet von der Schweiz stets, dass sie neutral wäre und Streitigkeiten aus dem Weg geht. Ich muss zugeben, dass ich mich während meiner Zeit in Zürich auch genauso gefühlt habe. Die Stadt ist mit ihren alten Gebäuden und historischen Sehenswürdigkeiten wahnsinnig schön. Überall sind viele Menschen unterwegs und dennoch ist es in der Stadt ungewöhnlich ruhig und friedlich. Ich hatte den Eindruck, dass sich jeder hier auf sich selbst konzentrierte und man sich nicht für die anderen Menschen interessierte. Das klingt vielleicht negativ, ist aber absolut nicht so gemeint. Ganz im Gegenteil – ich habe die Stadt, sowie ihre Einwohner und deren vorurteilsfreie Sicht auf die Dinge, sogar sehr positiv in Erinnerung. 

Diesen Briefkasten habe ich in der Altstadt entdeckt und für witzig empfunden.

So holprig, wie meine Reise in die Schweiz begonnen hat, musste sie dann letztlich auch enden. Durch meine neuen Winterschuhe, die ich während unserer mehrstündigen Fußmärsche durch die Stadt getragen hatte, hatte sich mein Fuß entzündet. Zu meinem Glück passierte dies erst am letzten Tag, sodass ich immerhin bereits viel von der Stadt gesehen hatte. Trotzdem waren die Schmerzen so stark, dass ich kaum laufen konnte. Da ich jedoch bereits mittags aus dem Hotel auschecken musste und ich aufgrund meines Fußes, sowie auch des Wetters (es hat in Strömen geregnet), nichts unternehmen konnte, habe ich mich frühzeitig auf den Weg zum Flughafen gemacht. Mein Flug war erst für den Abend um halb acht angesetzt, weshalb ich insgesamt sieben Stunden in Zürich am Flughafen verbrachte. Immerhin genug Zeit, um mein Buch zu Ende zu lesen. Janka würde sagen: „Du langweilst dich? Nimm dir ein richtiges Buch. Das Hunde-Lexikon zum Beispiel.“ :))

Zugegeben, die Geschichte hinter dieser Aussage ist so stumpf, dass sie schon wieder witzig ist! tongue-out

 

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